Die GRÜNEN im Gespräch mit der Lebenshilfe in Friedberg-Fauerbach

Rund 85.000 Deutsche mit rechtlicher Betreuung in allen Angelegenheiten waren bisher von Bundestagswahlen ausgeschlossen. Die Lebenshilfe hat lange gegen diese Ungleichbehandlung gekämpft und gewonnen. Nach einer Verfassungsgerichtsentscheidung änderte der Bundestag das Wahlrecht.

Davor erlaubte das Bundeswahlgesetz einen Ausschluss von Menschen mit Behinderung, für die zur Besorgung aller Angelegenheiten ein*e Betreuer*in bestellt ist. Die Regelung wurde durch das Parlament im Mai 2019 abgeschafft.

Zudem wurde ein neuer Passus ins Bundeswahlgesetz aufgenommen, der sich mit Unterstützungsmöglichkeiten bei der Stimmabgabe befasst. Wahlberechtigte, die nicht lesen können oder durch eine Behinderung an der Stimmabgabe gehindert sind, können Hilfe von einem anderen Menschen bekommen.

Bei der Europawahl 2019 konnten behinderte Menschen in Vollbetreuung erstmals von dem neuen Recht bundesweit Gebrauch machen.

Die Bundestagskandidatin der GRÜNEN Michaela Colletti dazu: „Ich begrüße diese längst überfällige Einbeziehung von Menschen mit Behinderung in das Wahlrecht ausdrücklich. Besonders hervorzuheben ist der langjährige Kampf der Lebenshilfe für dieses Recht.“

Um sich über dieses Thema auszutauschen sowie weitere Wünsche und Belange der Lebenshilfe und der Menschen mit Behinderung und Beeinträchtigung zu erfahren, besuchte Michaela Colletti, die seit März im Kreistag der Wetterau sitzt, zusammen mit dem GRÜNEN Kernstadt-Ortsvorsteher Rudi Mewes und dem Wahlkampagnenmanager der GRÜNEN im Wetteraukreis, Joachim Lorych, die Lebenshilfe in Friedberg-Fauerbach.

Thomas Mächtle, Geschäftsführer der Lebenshilfe Wetterau, und Jochen Rolle, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, berichteten umfassend über die Arbeit und Aufgaben der Lebenshilfe.

Mit Blick auf die Corona-Pandemie, erklärte Herr Mächtle: „Die Lebenshilfe Wetterau ist froh, keine Corona-Fälle in den Einrichtungen gehabt zu haben. Es waren zwar einzelne Mitarbeiter*innen infiziert, aber die Hygienekonzepte haben Schlimmeres verhindert.“ Doch hat die Schließung der Werkstätten für behinderte Menschen die Wohnstätten vor große Herausforderungen gestellt. Veränderungen im täglichen Ablauf sind gerade für viele geistig behinderte Menschen schwierig zu bewältigen und sorgen für sehr viel Unruhe. Auch für die Eltern, deren erwachsene Kinder eine Werkstatt besuchen und die zu Hause wohnen, gestaltete sich die Betreuung im Alltag sehr schwierig. Von diesen Problemen wurde in der Presse kaum berichtet, so dass die Öffentlichkeit erst sehr spät auf die Schwierigkeiten aufmerksam wurde.

All dies zeigte deutlich auf, dass beim Thema Inklusion und Integration noch sehr viel zu tun ist. Hier wünschen sich Mitarbeitende und Leitung der Lebenshilfe mehr Begegnungsmöglichkeiten und viel mehr Sensibilisierung für die Belange der Menschen mit Behinderung. Oftmals scheiterten Ausflüge in die Friedberger Innenstadt an so einfachen Dingen wie barrierefreien Gehwegen. Es fehle ein*e Inklusionsbeauftragte*r auf Kreisebene.

Rudi Mewes kritisierte, dass auch noch immer ein Abschlussbericht für die Inklusionsmodellregion Wetteraukreis fehle. Michaela Colletti sagte zu, dass die Kreistagsfraktion der GRÜNEN dem nachgehen werde.

Auch die angespannte Wohnungsmarktsituation macht es schwer, Wohnungen für Menschen zu finden, die durchaus allein leben könnten und einen geringen Betreuungsbedarf hätten.

Zudem erfuhren die GRÜNEN, dass die Lebenshilfe ein attraktiver Arbeitgeber ist. Die Bezahlung ist durchaus attraktiv, und es gibt auch eine betriebliche Altersversorgung.

„Es ist normal, verschieden zu sein“, zitierte Jochen Rolle das Motto der Lebenshilfe. Damit soll deutlich gemacht werden, dass es die Vielfalt und die Verschiedenheit menschlicher Daseinsformen sind, die das Leben bereichern. Angst und Vorbehalte vor dem Ungewohnten und Unbekannten sollen abgebaut werden.

Zum Abschluss besuchte Michaela Colletti noch die Grüne Wohngruppe (schöner Zufall, dass die Gruppe ausgerechnet so heißt), wo ihr Bruder einige Jahre gelebt hatte, und unterhielt sich mit den Bewohner*innen.

Die Einrichtung setzt sich zusammen aus dem Verein Lebenshilfe Wetterau e.V. und der Lebenshilfe Wetterau gGmbH. Der Verein setzt sich seit seiner Gründung in 1963 politisch und gesellschaftlich für die Interessen von Menschen mit Behinderungen ein. Gleichzeitig wird den Mitgliedern die Möglichkeit geboten, sich in Initiativgruppen auszutauschen oder ganz praktische Hilfe zu organisieren.