Berühren von Denkmälern kann eine erwünschte Form der Aneignung sein – so wie in der Ausstellung „Enthüllt“, die aktuell in Spandau zu sehen ist. Hier wurden einst herrschende – verehrte, entthronte, umstrittene – vom Podest geholt, ein „Denkmalsturz“, der es ermöglicht, den einst Mächtigen und Großen auf Augenhöhe zu begegnen, Geschichte zu begreifen.
Vom Begreifen sind jene, die in der Silvesternacht die Stele von Dr. Walter Lübcke vor der Adolf-Reichwein-Halle umtraten, sehr weit entfernt. Und das, was sich hier enthüllt, ist Gewalt. Zufällig?…, weil die Stele einfach gerade da stand, das Fitnessstudio geschlossen hatte, Sachbeschädigung Spaß macht und Lesen eben nicht jedermanns Sache ist? Vielleicht war es ein „Missverständnis“ – „Demokratie“ und „Vielfalt“ sind groß auf der Stele eingraviert, und aktuell müssen Freiheitsrechte ja für vieles hinhalten. Oder war es eine zielgerichtete Aktion?…, weil jemand alleine oder im lustig-ermutigenden Kreis Gleichgesinnter den Mann nochmal persönlich umnieten wollte, der sich für die Aufnahme Geflüchteter im Namen der Menschenrechte aussprach?
Es ist beides bitter, gerade weil die Übergänge im Tun nicht selten fließend sind, die spätere Handhabung der Begründung – sollte man gefasst und zur Verantwortung gezogen werden – oft virtuos. Tatsache ist: Wer täglich quasi „bewusstlos“ friedliches Miteinander und dessen Regeln beansprucht, und dann nachts hergeht, um dieses Miteinander mit Füßen zu treten, hat nichts verstanden und will auch nichts verstehen. Für dieses Miteinander stand und steht Dr. Walter Lübcke als Regierungspräsident wie als Mensch und Mitbürger. Er hat sich dazu bekannt Teil eines Miteinanders, eines Gemeinwesens zu sein – nicht als Hängematte und identitäre Spaßveranstaltung, sondern als tägliche zu verhandelnde, zu erarbeitende öffentliche und gemeinsame Aufgabe. Dies ist sein Vermächtnis, dem die Stadt Rosbach wie viele andere Städte und Gemeinden ein sichtbares Zeichen der Erinnerung gewidmet hat, die Umbenennung des Platzes und die Stele vor der Adolf-Reichwein-Halle – ein zentraler Ort, der Stadtparlament und demokratische Gremien ebenso versammelt wie Vereine und Kultur und nicht zuletzt den Bauernmarkt.
Die Tat in der Silvesternacht richtet sich damit weit über die Stele hinaus gegen ein Gemeinwesen, das sich zu diesem Vermächtnis, zu Werten wie Vielfalt, Toleranz, Respekt und Würde bekennt. Sie reiht sich ein in das Zeigen von Galgen für Angela Merkel und Sigmar Gabriel bei Pegida-Veranstaltungen in Sachsen oder den „Hängt die Grünen“-Plakaten der rechtsextremen Splitterpartei der III. Weg. Die Justiz tut sich oft schwer damit, in all dem eine konkrete Bedrohung zu sehen. Es könne ja auch nur „quasi symbolisch“ um den „politischen Tod“ gehen, befand die Staatsanwaltschaft in Chemnitz. Nur führt das Zündeln eben doch oft zum Brand, und nach dem „Aufwärmen am Gerät“ tritt es sich auch sonst lockerer. So macht vieles „Unkonkrete“ Stimmung, unterminiert verhältnismäßig „Unscheinbares“ respektvolles Miteinander, macht Gemeinwesen verletzlich.
Die Rosbacher GRÜNEN verurteilen die Zerstörung der Dr.-Walter-Lübcke-Stele aufs Schärfste. Der achtsame, respektvolle Umgang miteinander als zivilgesellschaftliche Grundlage jedes demokratisch verfassten Gemeinwesens beginnt früh, alltäglich, beiläufig, in der Art, wie wir miteinander sprechen, wie Dinge behandelt werden, im symbolischen und konkreten Anerkennen, im Pflegen oder wenigsten im Nicht-Zerstören von Werten und Welt, sei es nun gelegentlich-zufällig oder absichtlich-systematisch.
Wir stellen uns mit dieser Position an die Seite aller, die diese Tat ebenso verurteilen. Nur als gemeinsames Projekt kann und muss Demokratie täglich gelebt und verteidigt werden.
Die Rosbacher GRÜNEN
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Michaela Colletti
Vorstandssprecherin